Psychische Belastung einer Fernbeziehung und die Auswirkung auf den eigenen Körper

Ich bin kein Mediziner und auch kein Psychiater. Deshalb kann ich nur über meine Erfahrungen in den letzten Wochen schreiben und wie sich die auf einen eigentlich gesunden Körper auswirken können.

Hintergrund

Meine Freundin kommt ursprünglich aus den USA und hat ein Jahr lang als Au-pair in Berlin gearbeitet. Am 23.04.2017 ist ihr Flieger zurück in die Staaten gegangen.

Goodbye am Flughafen

Es war kein Goodbye für immer. Uns war klar, dass wir uns in spätestens 7 Wochen wiedersehen werden, da ich meinen Sommerurlaub dort geplant habe. Die letzten Tage vor dem Abflug waren so intensiv und schön, dass wir alle unsere Ängste einfach verdrängt haben. Bis auf den letzten Abend. Die Emotionen und Ängste haben uns fast stündlich eingeholt und das einzige, was wir dagegen machen konnten, war uns festzuhalten und uns zuzureden, dass es nur ein paar Wochen seien und diese enorm schnell vorbei gehen werden.

Der letzte Morgen war eher Stress als ein Genuss. Die Gedanken waren die ganze Zeit schon dabei sie in den Flieger einsteigen zu sehen, anstatt sich über die letzten Stunden zu freuen. Schon verrückt, wie groß die Angst sein kann, den Menschen gehen zu lassen, der das letzte Jahr dein Leben zu etwas ganz besonderem gemacht hat und den du niemals freiwillig verlassen würdest. Die letzten Meter zum Security-Check waren die reinste Rutschpartie. Jedes Mal wenn wir uns in die Augen geschaut haben, wurden sie wieder von Tränen geflutet. Bis zu dem Moment, als ich ihre Hand und ihre Lippen zum letzten Mal berührt habe und mich umgedreht habe, weil sie schon von den anderen Menschen hinter ihr zum Security-Check gedrängt wurde.

Der Weg zum Auto

Von diesem Moment an war es still und kalt. Ich ging zu meinem Auto und habe mich gefragt, warum ich nicht weine und warum ich auf ein mal so gefasst bin. Bis zu dem Moment, als ich in das Auto eingestiegen bin. In dem Auto, in dem vor wenigen Momenten noch das „WIR“ die Stille gefüllt hat und obwohl der Abschied so nah war, war es das Paradies im Vergleich zu diesem leeren Haufen Blech. Meine Augen füllten sich mit tränen und ich startete den Motor. An diesem Tag waren es 4°C in Berlin. Ich hatte das Gefühl, als wenn ich ersticken würde. Mein Körper konnte keine Kontrolle über die Abläufe gewinnen, die ihm seid 28 Jahren am Leben erhalten. Ruhiges ein- und ausatmen. Es war fast so, als wenn ich diesen einfachen Prozess verlernt hätte und mich nun am Rande vom Ersticken befinden würde. Ich bin ungefähr eine dreiviertel Stunde mit runtergelassenen Fenstern durch die Stadt zu einem meiner besten Freunde gefahren, um von ihm vielleicht das Atmen erneut zu erlernen.

Die ersten Stunden danach

Er hat mich versucht mit ein paar Einheiten Sport auf andere Gedanken zu bringen. Das hat auch punktuell geklappt, aber sobald ich auch nur eine Sekunde Zeit zum denken hatte, war ich wieder in Gedanken bei Ihr. Mein Brustkorb hat sich in sekundenschnelle verengt und die Atemnot war wieder im Vordergrund.

Die Zeitverschiebung

Der einzige Sinn für mich bestand darin, auf unsere Telefongespräche zu warten, die mir wie von Zauberhand den Knoten für ein paar Stunden lösen konnten. Doch ich kann nur eins sagen, dass die Zeitverschiebung dem ganzen Haufen Probleme noch die Krone aufsetzt. Denn wenn sie ins Bett geht, muss ich aufstehen. Deshalb haben wir uns so eingepegelt, dass wir kurz bevor sie schlafen gegangen ist, kurz telefoniert haben. Es war alles gut. Bis ich in meinem Büro ohne Tageslichtfenster angekommen bin und mich vor meinem PC gesetzt habe. Wir können „Büro“ zu „Gefängnis“ umbenennen. Denn nichts anderes war es. Es war ein Platz, an dem ich mindestens 8 Stunden gefangen war, ohne dass ich hätte etwas dagegen ändern können. Und das Schlimmste an der ganzen Geschichte ist, dass genau in diesen 8 Stunden, die mir einfach wie eine niemals endende Horrorgeschichte vorgekommen ist, ich nicht die Möglichkeit hatte, die Stimme zu hören, die mich aus diesem Horrorfilm hätte für einen kurzen Moment entreißen können.

Der Beginn der körperlichen Leiden

Ich habe vorhin kurz über den Druck auf der Brust erzählt. Dieses „Gefängnis“ hat dazu geführt, dass ich mich noch machtloser und hilfloser gefühlt habe, als ich mich ohnehin schon gefühlt habe. Es war mein tägliches Gefängnis, in dem ich keine Pläne schmieden konnte, wie ich vielleicht doch diese 8000 km früher überwinden kann. Aber um so öfter ich auf die Uhr und den Kalender geschaut habe und bei jedem Mal, als der Zeiger noch immer nicht weit genug in Richtung Feierabend und somit in Richtung „Freiheit“ gewandert ist, hat sich das Gefühl der Machtlosigkeit verdoppelt. Und diese Verdopplung hat mir die letzte Luft zum Atmen und Denken genommen, sodass ich fast 2 Stunden vor meinem Büro im Regen gestanden habe und nicht wusste, ob ich einfach losrennen soll, um vielleicht aus den 8000 km nur 7999 km zu machen oder ob ich einfach ein Ticket buchen soll und Hals über Kopf in den nächsten Flieger steige. Beide Varianten sind aussichtslos und einfach zu weit hergeholt. Denn auch wenn ich ein überteuertes Ticket gekauft hätte und am nächsten Tag hingeflogen wäre, hätte ich gewusst, dass mich bis zu diesem Punkt immer noch mehr als 12 Stunden trennen. Für die meisten hört sich das total unverständlich an, aber für mich waren das alles Versuche sich mit aller Gewalt gegen die ausweglose Situation zu stemmen und mit Watte gegen Windmühlen zu werfen. Nachdem ich diese Optionen immer und immer wieder durchgespielt habe und immer wieder zu dem Schluss gekommen bin, dass eigentlich alles mit einem Job und keiner Million Euro in der Hinterhand unmöglich und absolute Träumerei ist, hat sich der Druck auf der Brust wieder erhöht und die Atemnot hat sich gesteigert.

Die Autofahrt

Feierabend. Raus aus dem Gefängnis und rein in das nächste. Ins Auto. Eine Stunde bis zu meiner Wohnung. Eine Stunde Zeit um über all das Unmögliche und Aussichtslose nachzudenken. Es war sogar soweit, dass ich Angst vor der Autofahrt hatte, weil ich mit meinem Kopf nur bei ihr war und nicht bei den Hunderten von LKW´s, die mit mir auf der Autobahn waren. Und das ist lebensgefährlich.

Eine leere Wohnung

Angekommen. Raus aus dem Gefängnis und rein in das Nächste. Eine leere Wohnung, in der dich alles nur an sie erinnert. Sachen, die sie bei mir gelassen hat, getragene Klamotten, die nach ihr duften und Bilder. Bilder und Geschenke von ihr, die mir eigentlich ein Lächeln und keine Tränen in mein Gesicht befördern sollten.

Der finale Entschluss

Nachdem die darauffolgenden Tage genauso verlaufen sind und ich mich von Telefonat zu Telefonat und von einer zur nächsten ausweglosen gedanklichen Möglichkeit geschleppt habe, war mein Körper so ziemlich im Eimer. Der Druck auf der Brust, die Atemnot, die Angst vor der Autofahrt und vor dem Büro, hat dazu geführt, dass ich nicht viel essen und trinken konnte. Meine Augenringe wurden immer größer und ich konnte täglich neue graue Haare zählen. Hinzu kamen diese Schübe, in denen mein Kopf bemerkt hat, dass sich so schnell nichts an der Situation ändert. Da gab es für mich nur einen Weg.

Der Rat von einem Außenstehendem

Nachdem mich mein Arzt am EKG komplett durchgecheckt hat, er sogar mein Blut untersucht hat und mir danach grünes Licht für keine körperlichen Beschwerden gegeben hat, war ich erleichtert. Aber diese Erleichterung ist so schnell wie sie gekommen ist umgeschlagen zu Angst.

Denn wenn es nichts körperliches ist, dann ist es die Psyche. Ich habe mich immer als starken und psychisch sehr starken Menschen betrachtet, der realistisch an Dinge heran geht. Aber durch diese Tage des Horrors habe ein anderes Bild von mir. Von jedem. Das egal wie lange es dauert, bis einem so eine psychische Belastung/ Herausforderung widerfährt, niemand auch nur im geringsten Anteil nehmen kann und einem Helfen kann. Denn man muss so ziemlich selbst den Weg aus diesem Tal schaffen. Mir hat es zum Beispiel sehr geholfen, einfach immer unterwegs zu sein und nicht auch nur im Ansatz ein Zeichen von Langeweile aufkommen zu lassen. Dennoch ist der psychische Schmerz da. Und der psychische Schmerz multipliziert sich zu körperlichen Einschränkungen, die kein Arzt nachweisen kann. Und das ist gruselig.

Das Ziel und die Lösungen

Nachdem ich lange keine Motivation mehr zum schreiben hatte, sind das wieder meine ersten Zeilen.

Mir haben genau 3 Dinge geholfen, mich wieder zu finden und am Leben teilzunehmen.

Videotelefonie

Danke WhatsApp und Skype. Ohne euch wäre es für mich noch viel unerträglicher gewesen. Ich mag mir nicht vorstellen wie es ist, sich nur alle paar Monate Briefe schreiben zu können und auf eine Antwort warten zu müssen.

Freunde/ Aktivitäten

Danke an meine Freunde, die mich in keiner Sekunde alleine gelassen haben und mich durch die ersten Wochen geschleppt haben.

Ein Ziel

Auch wenn das Ziel noch so unmöglich erscheint und alle dir sagen, dass es unmöglich ist, hilft es trotzdem es zu versuchen, das unmögliche möglich zu machen. Egal in welcher Form. Und wenn es nur bedeutet, seinen Flug um eine Woche vorzuverlegen und die Zeit zu verkürzen. Man fühlt sich wie jemand, der das Zepter in der Hand hält und aktiv gegen die Distanz und Ausweglosigkeit ankämpft.

Ich war sehr offen zu euch und hoffe, dass ich vielleicht Jemandem weiterhelfen kann. Falls nicht über diesen Artikel, dann schreibt mir einfach eine Email oder lasst uns telefonieren.

 

Bester Gruß

Wolfgang von MännerTagebuch

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